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Informationen zu den Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben (KSL) in Nordrhein-Westfalen

I. Ausgangslage

Mit Blick auf die UN-Behindertenrechtskonvention und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit, das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderungen zu befördern, wurde im Jahr 2016 vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales (MAIS) in allen fünf Regierungsbezirken des Landes jeweils ein Kompetenzzentrum Selbst-bestimmt Leben (KSL) aufgebaut. Darüber hinaus wurde ein landesweit agierendes KSL für Menschen mit Sinnes-behinderungen implementiert.

In den Regierungsbezirken Arnsberg und Köln sind zwei Kompetenzzentren Selbst-bestimmt Leben seit 2011 bereits modellhaft erprobt worden.

Zur fachlichen Unterstützung und Vernetzung der Kompetenzzentren wurde eine zentrale Koordinierungsstelle in Gelsenkirchen eingerichtet.

II. Inhaltlicher Rahmen

Zentrale Aufgabe der KSL ist die Förderung der sozialen Inklusion im jeweiligen Regierungsbezirk. Diese wird verstanden als umfassende Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft mit dem Ziel einer vollen und wirksamen Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind so zu gestalten, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gleichermaßen an ihr teilhaben können. Soziale Inklusion setzt neben der gleichberechtigten Partizipation auch eine individuelle Autonomie voraus, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen. Zum Selbstverständnis eines Kompetenzzentrums gehört daher, dass es eine (anbieter- und leistungsträger-) unabhängige Anlauf- und kompetente Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörige in der Region ist. Es wird insbesondere die Entwicklung inklusionsorientierter Lösungsansätze für die Gestaltung individueller Lebensentwürfe unterstützt. Dieser Ansatz soll Menschen mit Behinderungen in ihrer Handlungsfähigkeit stärken. Wesentlich ist dabei die Beratung von Menschen mit Behinderungen durch Menschen mit Behinderungen („Peer-Counseling“) sowie die Förderung und Vernetzung der örtlichen Selbsthilfestrukturen.

Die KSL fördern dabei eine differenzierte Betrachtungsweise der Lebenssituationen von Menschen mit Behinderungen, beispielsweise auch in Abhängigkeit vom Geschlecht oder der kulturellen Herkunft.

Durch die KSL sollen zudem Kooperations- und Vernetzungsstrukturen geschaffen werden, die sowohl Behörden als auch der Zivilgesellschaft mit Informationen und themenspezifischen Veranstaltungsangeboten zur Verfügung stehen. Im Rahmen von Maßnahmen zum Empowerment sollen Menschen mit Behinderungen in die Lage versetzt werden, ihre Bedarfe und Interessen aktiv einzubringen.

Kurz skizziert …

  • entwickeln die KSL gemeinsam geeignete Maßnahmen, um Selbstbestimmung landesweit umzusetzen (z.B. die stärkere Nutzung des Persönlichen Budgets).
  • beraten die KSL unabhängig zu allen Fragen und Themen rund um das Thema Behinderung und unterstützen Menschen mit Behinderungen auf Ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben. Dies gilt vor allem für komplexe Fragestellungen, die leistungsträgerübergreifende Lösungen erfordern.
  • informieren die KSL über aktuelle Entwicklungen in der Behindertenpolitik im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention.
  • bieten die KSL eine Plattform für alle Institutionen und Verbände, die sich mit Konzepten wie Inklusion und Selbstbestimmung auseinandersetzen, um praktische Veränderungen herbeizuführen.
  • bündeln die KSL Erfahrungen behinderter Menschen, führen Fachveranstaltungen durch und erstellen Informationsmaterial zur gezielten Bewusstseinsbildung und Überwindung von bisher vorherrschenden Denkmustern.

Neben diesen allgemeinen Basisaufgaben bilden die Kompetenzzentren örtliche Expertisen aus. Das bedeutet, sie entwickeln spezifische inhaltliche Schwerpunkte, die eng miteinander vernetzt und für alle KSL gemeinsam nutzbar gemacht werden. Dabei reicht das Spektrum vom Thema „Frauen und Mädchen mit Behinderung“ über „Migration und Behinderung“ und „Anti-Diskriminierung und Schutz vor Gewalt“ bis hin zu Fragen der „begleiteten Elternschaft“.

Was machen die Kompetenzzentren eigentlich?
Mögliche Handlungsfelder an einem konkreten Beispiel

Das nachfolgende Beispiel soll die Vielfalt der Handlungsmöglichkeiten der eingerichteten Kompetenzzentren verdeutlichen und aufzeigen, wie selbstbestimmtes Leben im konkreten Einzelfall umgesetzt werden kann.

Frau S. lebte 24 Jahre lang sehr zufrieden in einer eigenen Wohnung, in der ihr damaliger Assistenzbedarf von Zivildienstleistenden und später von einem ambulanten Dienst abgedeckt wurde. Als sich ihre Bewegungsfähigkeit immer mehr einschränkt, kann der ambulante Dienst Frau S. nicht mehr weiter unterstützen. Aus Mangel an Alternativen zieht sie daraufhin in ein stationäres Wohnheim. Dort lebt sie jetzt seit sechs Jahren und engagiert sich im Heimbeirat. Obwohl sie dort gut versorgt ist und sich angenommen fühlt, vermisst sie ihr „altes Leben“. Sie wünscht sich wieder eine eigene Wohnung zu haben und ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Zudem möchte Sie gerne in der Kommunalpolitik aktiv werden und sich für die Interessen von Menschen mit Behinderungen einsetzen. Frau S. wendet sich an das zuständige Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben und bittet um Unterstützung.

Das Kompetenzzentrum kann in folgenden Bereichen aktiv werden, um in dem genannten Beispiel die Prinzipien eines selbstbestimmten Lebens zu fördern:

Empowerment: Frau S. wird in Ihrem Anliegen, wieder in eine eigene Wohnung zu ziehen unterstützt und dazu befähigt, diesen Schritt in eine größere Unabhängigkeit zu gehen.

Beratung: Das Kompetenzzentrum hilft Frau S. dabei, ein geeignetes Beratungsangebot zu finden. Ist dies nicht möglich, berät es selbst. Die Beratung erfolgt nach dem sogenannten „peer Ansatz“. Das heißt, Frau S. wird von Expertinnen oder Experten beraten, die selbst Behinderungserfahrungen haben. Die Beratung erfolgt trägerunabhängig und orientiert sich an den Bedürfnissen und Wünschen von Frau S.

Persönliches Budget: Um ein größtmögliches Maß an Selbstbestimmung zu gewährleisten, bietet sich für Frau S. die Beantragung eines persönlichen Budgets und die Entwicklung eines persönlichen Assistenzmodells an. Sie wird hierzu vom Kompetenzzentrum beraten und bei der Antragsstellung unterstützt.

Vernetzung: Damit Frau S. wieder in einer eigenen Wohnung leben kann, ist ein tragfähiges Netzwerk an Dienstleistungen und Unterstützungsangeboten von Nöten (ambulante Dienste, Beratung, Nachbarschaftsinitiativen, Selbsthilfeangebote…). Das Kompetenzzentrum setzt sich dafür ein, die bestehenden Strukturen miteinander zu vernetzen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist das Kompetenzzentrum darum bemüht, Allianzen zu schmieden, die Inklusion in der Kommune befürworten und voranbringen.

Lösungsorientierung: Frau S. zog in das Wohnheim, weil es für Sie vor Ort keine erkennbaren Alternativen gab. Das Kompetenzzentrum zeigt solche „Lücken im System“ auf und stößt die Entwicklung von Lösungen an, die den Grundsätzen der UN-Behindertenrechtskonvention entsprechen.

Partizipation: Frau S. besitzt ein kommunikatives Wesen. Zudem ist sie sehr an politischen und gesellschaftlichen Themen interessiert. Sie möchte Ihre Erfahrungen und ihre Energie gerne für die politische Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen einsetzen. Das Kompetenzzentrum identifiziert kommunalpolitische Möglichkeiten dieser Interessenvertretung (z.B. Beiräte, Arbeitsgemeinschaften, Ausschüsse) und unterstützt Frau S. bei ihrer Beteiligung an diesen Möglichkeiten. Können vor Ort keine entsprechenden barrierefreien Strukturen identifiziert werden, wird das Kompetenzzentrum in der Kommune aktiv und setzt sich grundsätzlich für eine Stärkung der politischen Partizipation von Menschen mit Behinderung ein.

Bewusstseinsbildung: Im Falle von Schwierigkeiten für den Wunsch von Frau S., zurück in eine eigene Wohnung zu ziehen, bemüht sich das Kompetenzzentrum um Information und Aufklärung. Das Kompetenzzentrum organisiert beispielsweise entsprechende Veranstaltungen und betreibt eine aktive Öffentlichkeitsarbeit. Die Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft in der jeder Mensch selbstbestimmt leben kann, bildet dabei die Grundlage.

Ziele der KSL

Menschen befähigen - Empowerment der Betroffenen

Die Kompetenzzentren wollen Menschen mit Behinderung dazu befähigen ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Partizipation ermöglichen - Stärkung und Qualifizierung der Interessenvertretung

Die Kompetenzzentren wollen die Partizipation von Menschen mit Behinderungen stärken.

Lösungen entwickeln - Missstände aufzeigen und im Sinne der UN-BRK beheben

Die Kompetenzzentren wollen Lücken und Mängel im System identifizieren und gemäß den Grundsätzen der UN-Behindertenrechtskonvention schließen und beheben.

Strukturen vernetzen - Schaffung tragfähiger Netzwerk- und Angebotsstrukturen

Die Kompetenzzentren wollen funktionale Netzwerke gestalten, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Wissen vermitteln und Informationen teilen - Umdenken im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention anstoßen

Die Kompetenzzentren wollen eine umfassende Information über die Aspekte Inklusion und selbstbestimmtes Leben sicherstellen.

Rechte sichern – Umsetzung der rechtlichen Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention

Die Kompetenzzentren wollen Inklusion als Menschenrecht in der Praxis verankern.

Bewusstsein schaffen - Steigerung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Inklusion und Selbstbestimmung

Die Kompetenzzentren wollen das gesellschaftliche Bewusstsein für Inklusion schärfen.