#43: Neurodivergenz, Gesundheitsversorgung und Suizidprävention – ein Kommentar von Milena Wolf | KSL.NRW Direkt zum Inhalt

#43: Neurodivergenz, Gesundheitsversorgung und Suizidprävention – ein Kommentar von Milena Wolf

Ein Foto von Milean Wolf, eine lächelnde junge Frau mit kurzen dunkel-blonden Haaren und einer getönten Brille mit dem Titel Fensterblick Arnsberg, eingerahmt in grünen Kacheln des KSL.Arnsberg und blauen Kacheln der KSL.NRW
 
 

#43

Fensterblick Arnsberg

„Die AG Neurodivergenz und neurologische Vielfalt setzt sich für mehr Sichtbarkeit dieser Personengruppe ein. Für wirksame Suizidprävention ist eine verbesserte Datenerhebung und zielgruppenspezifische Forschung notwendig. (...) Die Verbesserung ihrer Lebenssituationen ist entscheidend für eine wirksame Suizidprävention.“

von Milena Wolf | Kommentar | KSL hinterfragt


Neurodivergent zu sein bedeutet in Deutschland fast immer, auch chronisch krank zu sein, und zwar unabhängig von der Ursache der Neurodivergenz oder davon, ob sie einen Krankheitswert hat oder mit Behinderung einhergeht.
Der Zugang zum Gesundheitssystem ist für Menschen mit neurodivergenten Profilen mit vielen Barrieren verbunden. Insbesondere der Zugang zu psychiatrischer- und psychotherapeutischer Versorgung ist aktuell erschreckend schlecht. Und das, obwohl Menschen der Zielgruppe überdurchschnittlich oft psychisch erkranken. So haben etwa die Hälfe der Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten mindestens eine psychische Erkrankung, ca. 60 Prozent der erwachsene Autist*innen leiden an Depressionen, hinzu kommen weitere psychische Erkrankungen wie Angst- oder Zwangsstörungen (FOGS). Für weitere Neurodivergenzen sind die Zahlen ähnlich. Da es an Forschung mangelt, liegen teilweise keine Zahlen vor. 
Ein aktuelles Gutachten, welches im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung und/oder Autismus-Spektrum-Störungen in NRW untersucht hat, kommt unter anderem zu folgendem Ergebnis:

„Ein Blick in die Daten zur Regelversorgung zeigt, dass in psychotherapeutischen Praxen und ermächtigten Spezialangeboten in NRW nur 970 Patient*innen der Zielgruppe gesehen bzw. versorgt wurden (Stand: 2020). Dominierend ist (auch) in NRW eine pharmakotherapeutische Behandlung, oft ohne adäquate Diagnostik. Menschen mit Autismus-Spek­trum-Störungen und komorbider psychiatrischer Erkrankung wurden noch schlechter als Menschen mit Intelligenzminderung versorgt. Insgesamt gilt, dass die Versorgung umso schlechter und schwieriger ist, je komplexer die Behinderung sich darstellt. [...]
Sorgen bereitet außerdem, dass bei den Menschen, die behandelt werden, häufig Psychopharmaka ohne adäquate Diagnostik oder begleitende Psychotherapie zum Einsatz kommt” (FOGS).


Den 970 gesehenen Patient*innen stehen Schätzungen des Gutachtens zufolge rund 200.000 unversorgte Menschen der Zielgruppe mit Behandlungsbedarf aufgrund einer psychischen Erkrankung gegenüber. 
Ein besonderes Problem in NRW ist aktuell die Autismus-Diagnostik für Erwachsene. Die Wartezeiten sind hier extrem lang, einige große Ambulanzen haben die Wartelisten bis auf weiteres komplett geschlossen. Zum Beispiel hat die Spezialambulanz Autismus der Uniklinik Köln aktuell (März 26) eine Wartezeit von 26 Monaten für ein Erstgespräch. Die Autismus-Ambulanz der LWL-Klinik in Dortmund schreibt auf ihrer Website (März 26): „Aufgrund sehr langer Wartelisten (ca. 4 Jahre) derzeit keine neuen Anfragen möglich” 
Dazu kommt, dass viele Ambulanzen nur noch Patient*innen aus ihrem Versorgungsgebiet annehmen. Menschen in ländlichen Regionen oder Regionen in denen Wartelisten geschlossen sind, bleiben somit komplett unversorgt. Das hat fatale Auswirkungen für die Menschen, da sie ohne Diagnose keine Unterstützungsleistungen oder Leistungen der Eingliederungshilfe in Anspruch nehmen können.

Trauma-informiert und -sensibel Behandeln 

Aber auch die allgemeinmedizinische sowie die fachärztliche Versorgung sind sehr problematisch. Viele Menschen vermeiden notwendige Arztbesuche aufgrund der vielen Barrieren wie Reizüberflutung und Kommunikationshürden in den Praxen. Ärtzt*innen fehlt es oft an Wissen über die einzelnen Beeinträchtigungen. Dabei kann es drastische Folgen für die Zielgruppe haben, wenn etwa Erkrankungen aufgrund abweichender Schmerzwahrnehmung und -kommunikation nicht rechtzeitig erkannt werden.
Menschen mit neurodivergenten Profilen haben zudem oft bereits traumatische Erfahrungen im Gesundheitssystem gemacht und benötigen zusätzlich zu den Bedarfen, die mit ihrer Neurodivergenz einhergehen, eine Trauma-informierte und Trauma-sensible Behandlung.
Die Situation ist so gravierend, dass sie sich bereits auf die Suizidalität der Zielgruppe auswirkt. 2024 starben in Deutschland 10.372 Menschen durch Suizid. Das sind deutlich mehr Todesfälle als durch Verkehrsunfälle, illegale Drogen und Gewaltdelikte zusammen. Bei Kindern und Jugendlichen unter 25 ist Suizid die häufigste Todesursache vor Verkehrsunfällen und Krebs (Statistisches Bundesamt). Wie viele Menschen einen Suizidversuch unternehmen, wird in Deutschland nicht erfasst. Schätzungen gehen von weit über 100.000 Suizidversuchen im Jahr aus (NaSPro*).
*Aus dem Internetdokument der NaSPro „Suizide in Deutschland", Seite 5 [Da Daten zu den Suizidversuchen nicht systematisch erhoben werden, sind die Angaben Schätzungen auf Basis der Ergebnisse in kleineren Erhebungsgebieten im Rahmen der Studie „Monitoring Suicidal Behaviour in Europe“ (publiziert in Schmidtke et al. 2001, 2004)]

Suizidrisiko Neurodivergenz

Es fehlen bislang Studien zu Suizidalität von Menschen mit Behinderung in Deutschland. Studien aus anderen Ländern weisen auf ein erschreckend hohes Suizid-Risiko, insbesondere für die Zielgruppe der Menschen mit neurodivergenten Profilen hin. Darüber hinaus gibt es alarmierende Zahlen über eine geringere, medizinisch nicht erklärbare Lebenserwartung, etwa bei Menschen mit FASD (Fetale Alkohol-Spektrum-Störung) oder im Autismus-Spektrum. 

Details

Für Menschen mit FASD liegt die Lebenserwartung einer Studie zu folge bei nur 34 Jahren, wobei die häufigsten Todesursachen „äußere Ursachen" (44%) waren. Darunter Suizid (15%), Unfälle (14%), Vergiftungen durch illegale Drogen oder Alkohol (7%) und andere äußere Ursachen (7%). Zum Vergleich: in der Allgemeinbevölkerung machen Suizide einen Anteil der Todesursachen von etwa 1% aus (Statistisches Bundesamt).

Studien zu Suizidalität aus anderen Ländern zeigen, dass etwa bei Menschen im Autismus-Spektrum das Suizidrisiko um das Neun- bis Zehnfache erhöht ist (Hirvikoski u. a. 2016; Cassidy u. a. 2020). Frühe Untersuchungen zeigten, dass 66% der Erwachsenen bei ihrer Diagnose (Asperger-Syndrom) Suizidgedanken angaben.

Eine Studie aus England untersuchte durch Suizid verstorbene Menschen und kam zu dem Ergebnis, dass 10,8% Autist*innen waren oder autistische Merkmale aufwiesen. Ihr Anteil lag damit deutlich höher als er nach Prävalenz in der Bevölkerung zu erwarten wäre (~1%). Nicht diagnostizierte autistische Personen könnten der Studie zufolge ein noch höheres Suizidrisiko haben als diagnostizierte.

Ein ähnliches Bild zeigt sich für weitere Neurodivergenzen: So haben Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), insbesondere bei komorbiden Störungen, ein signifikant erhöhtes Suizidrisiko (Oh u. a. 2024; Rother u. a. 2025). Auch ein erhöhtes Risiko für Suizidversuche insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist bekannt (Huang u. a. 2018). In einer aktuellen Studie wurde deutlich: Auch Erwachsene mit ADHS haben ein erhöhtes Suizidrisiko, unabhängig von psychiatrischen Begleiterkrankungen (Di Salvo u. a. 2024). 

Um mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema zu schaffen, habe ich im vergangenen Jahr gemeinsam mit Rebecca Lefeveré vom Verein Gemeinsam Zusammen e.V. eine Arbeitsgruppe beim Nationalen Suizidpräventionsprogramm (NaSPro) gegründet. Die AG Neurodivergenz und neurologische Vielfalt setzt sich für mehr Sichtbarkeit dieser Personengruppe ein. Für wirksame Suizidprävention ist eine verbesserte Datenerhebung und zielgruppenspezifische Forschung notwendig. Ausgrenzung und Diskriminierung sowie unzureichende (allgemein-)medizinische, psychiatrische- und psychotherapeutische Versorgung verschärfen das Suizidrisiko. Menschen mit neurodivergenten Profilen benötigen eine passgenaue Versorgung. Die Verbesserung ihrer Lebenssituationen ist entscheidend für eine wirksame Suizidprävention.
Als ersten Schritt hat die AG 2025 eine Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der nationalen Suizidprävention veröffentlicht. Der Gesetzentwurf wird aktuell im Gesundheitsausschuss überarbeitet. Wir hoffen, dass vulnerable Gruppen zukünftig bei der Planung und Koordinierung von Suizidpräventionsmaßnahmen Berücksichtigung finden.
In Zukunft planen wir, gemeinsam mit engagierten Menschen aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft, ein breites Netzwerk aufzubauen. Bist du dabei? Wir freuen uns über Mitstreiter*innen. Kontakt: neurodivergenz@naspro.de

Für meine Arbeit beim KSL.Arnsberg beschäftigt mich Gesundheitsversorgung aber auch aus einer anderen Perspektive. Ich frage mich:

  • Wie können wir verhindern, dass in unserer Gesellschaft neurodivergente Menschen flächendeckend chronisch krank werden?
  • Was können wir tun, damit alle Menschen einen Platz zum Leben in unserer Gesellschaft finden und nicht dauerhaft unter so großem Leidensdruck stehen, dass sie das Gefühl haben, so nicht weiterleben können?
  • Was tun wir, damit Autismus nicht mehr Traumarisiko bedeutet?
  • Wie verlängern wir die Lebenserwartung von Menschen mit FASD und anderen Neurodivergenzen?


Die Schlüssel liegen in unseren Händen: Inklusion, Teilhabe und Zugänge für alle –  in allen Lebensbereichen. Längst bekannt und noch so viel zu tun. Also lasst uns gemeinsam etwas bewegen!

Schwierige Worte 

Neurodivergenz: 
Als neurodivergent werden Menschen bezeichnet, die ein Gehirn haben, dessen Funktionsweise sich von der der Mehrheit unterscheidet. 
Dies kann verschiedene Bereiche betreffen, z. B. Wahrnehmungsverarbeitung, Kommunikation, Orientierung (zeitlich und räumlich), Konzentration, Aufmerksamkeitsumfang oder Gedächtnis.
Neurodivergent ist ein relativ weit gefasster Begriff. Neurodivergenz kann genetisch und angeboren sein, kann aber auch durch hirnverändernde Erfahrungen oder Erkrankungen verursacht werden, oder eine Kombination aus beidem. Autismus, Trisomie 21 oder Legasthenie sind Beispiele für angeborene Formen von Neurodivergenz. Veränderungen der Gehirnfunktion, die z. B. durch Traumata, demenzielle Erkrankungen oder starken Konsum psychedelischer Drogen verursacht werden, sind Beispiele für Formen von Neurodivergenz, die im Laufe des Lebens entstehen. 
Einige Formen der angeborenen Neurodivergenz, wie Autismus, sind eng mit der eigenen Identität und Persönlichkeit eines Menschen verbunden. Viele Menschen lehnen daher Heilungs- bzw. Therapieversuche ab. Andere Formen der Neurodivergenz, wie Epilepsie oder Demenz, sind kein grundlegender Teil der Identität, und in vielen Fällen wäre die Person froh, solche Formen der Neurodivergenz loszuwerden.
(vgl. Nick Walker) 


Mai 2026

Zurück Zur Übersicht Vorwärts


Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben für den Regierungsbezirk Arnsberg

Märkische Straße 239 a
44141 Dortmund

Telefon: 0231 9128375
E-Mail: milena.wolf@ksl-arnsberg.de

Zur Blog-Autorin Milena Wolf

Milena Wolf arbeitet seit Mai 2024 als Projektmitarbeiterin beim KSL.Arnsberg. 
Davor hat sie inklusive Pädagogik studiert und durfte Zirkus mit vielen verschiedenen Menschen machen. In ihrer Arbeit setzt sie sich dafür ein, die Belange von Menschen mit neurodivergenten Profilen und nicht sichtbaren Behinderungen sichtbar zu machen. Dazu gehören unter anderem Autist*innen, Menschen mit ADHS, Fetaler Alkoholsprektrumsstörung (FASD) oder anderen Lernmöglichkeiten, aber auch Menschen mit psychischen oder neurologischen Erkrankungen wie Depressionen, Migräne, Epilepsie oder Demenz. 
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sind die Gesundheitsversorgung und Suizidprävention. Außerdem die Themen Bewusstseinsbildung und Barrierefreiheit durch den Abbau von invisiblen Barrieren, z. B. Barrierefreiheit durch Reizarmut.
 


Interesse an weiteren Fensterblicken?


Inklusive Gesundheit

In dem Interview mit Ellen Dieball wird aufgezeigt, wie wichtig psychologische Beratung für Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten ist. Das Interview hat Susanne Schulte-Mausbeck vom KSL.Düsseldorf geführt.  
Zum Beitrag Nr. 13

 

Zurück zur Übersicht