#47: Zehn Jahre KSL.NRW und die Zukunftschance für Inklusion im Kontext von Menschenrechten – ein Interview mit Prof. Theresia Degener | KSL.NRW Direkt zum Inhalt

#47: Zehn Jahre KSL.NRW und die Zukunftschance für Inklusion im Kontext von Menschenrechten – ein Interview mit Prof. Theresia Degener

Prof. Thereas Degener, eine Frau mit kurzem grauen Haar, Brille und einer pinken Strickjacke, der Hinterkopf von einer dunkelblonden Frau, die mit ihr spricht, eingebettet in bunte Stilelemente der KSL.NRW für den Fensterblick-Blog

 

 

#47

Fensterblick Extern

„Die Menschenrechte, auch, wenn sie immer ein westlich dominiertes Projekt waren, immer auch in Kontext von Kolonialismus und Imperialismus, missbraucht und instrumentalisiert worden sind, haben doch die Menschheit vorangebracht. Sie kodifizieren die Idee des Humanismus. Und, dass sich hierauf fast alle Staaten im Rahmen der Vereinten Nationen geeinigt haben, ist humanistischer Fortschritt. 
Aber Inklusion im Kontext von Menschenrechten gedacht, ist die einzige Hoffnung. Etwas Besseres haben wir noch nicht gefunden.
Inklusion ist ein Bestandteil der Menschenrechte, insbesondere durch die UN-Behindertenrechtskonvention geworden. Und das ist ja auch das großartige an der UN- Behindertenrechtskonvention: Dass sie die Menschenrechte modernisiert hat.“

Interview mit Prof. Theresia Degener | 
von Wibke Roth | Fotos von Luisa Kempf | KSL hinterfragt


blaue Facette

Wibke Roth: Prof. Degener, Sie und das BODYS sind den KSL.NRW ein Jahr voraus: Wir feiern in diesem Jahr das Zehnjährige mit einem großen Jubiläumsmarkt. Sie haben Ende 2025 das 10-jährige Bestehen mit einer Konferenz gefeiert: „Sozialer Zusammenhalt durch Inklusion: die Zukunft der Teilhabe behinderter Menschen aus Perspektive der Disability Studies“ lautete der Titel. Sie waren eine der drei Hauptrednerinnen. Sie haben in Ihrem Vortrag soziale Inklusion als Mittel für sozialen Zusammenhalt aus Perspektive der Legal Disability Studies betrachtet, kurz LDS,  also aus einer rechtswissenschaftlichen Sicht. Was ist der Kern und was soll dieser junge Forschungszweig ans Licht bringen?

Prof. Degener: Legal Disability Studies ist ein Zweig der Disability Studies und wie alle Sparten der Disability Studies sind natürlich die Modelle von Behinderung wichtige Ankerpunkte. Unter medizinischem Modell von Behinderung verstehen wir in der Regel die Beschränkung oder die Reduktion eines behinderten Menschen auf seine oder ihre gesundheitliche Beeinträchtigung. Das führt zur weiteren Annahme, dass behinderte Menschen Sonderschulen oder Förderschulen brauchen, dass sie im Heim leben müssen, dass sie nicht wie andere Menschen am Leben in der Gesellschaft teilhaben können und dieses medizinische Modell – das ist ja ein wichtiges Ziel der Disability Studies – soll eben überwunden und ersetzt werden durch die Erkenntnis, dass Behinderung sozial konstruiert ist. Diese Erkenntnis ist das Fundament des sozialen Modells von Behinderung.

Zur Jubiläumsfeier der KSL.NRW am 19.11.2026 wird es an dieser Stelle ein Video-Statement von Prof. Degener geben.
 


blaue Facette

Wibke Roth: Was heißt das genau? 

Prof. Degener: Legal Disability Studies gehen ein bisschen über dieses soziale Modell von Behinderung hinaus, indem sie das menschenrechtliche Modell von Behinderung als Paradigma haben. Das bedeutet, dass wir als Prämisse akzeptieren, dass Menschenrechte niemals aufgrund von Behinderung beeinträchtigt oder eingeschränkt werden dürfen. Die gesundheitliche Beeinträchtigung darf also nicht dazu führen, dass mir meine Menschenrechte verweigert oder meine Menschenrechte begrenzt werden.
Beispiele sind: 
- Wahlfreiheit 
- das Recht zu heiraten 
- das Recht Verträge zu unterschreiben 
- das Recht zu entscheiden, wo und mit wem ich lebe
Das sind alles wichtige Menschenrechte und in der Vergangenheit haben wir erlebt – oder vielleicht muss man ehrlicherweise sagen, geht das bis in die Gegenwart hinein – werden diese Rechte behinderten Menschen oft verweigert mit der Begründung des medizinischen Modells: Diese Person braucht Unterstützung und 
- deswegen können wir ihr nicht alle Freiheiten gewähren, 
- deswegen müssen wir entscheiden, was gut für diese Person ist und die Freiheit beeinträchtigen,
- deswegen müssen wir eventuell Zwang anwenden in der Psychiatrie oder anderen besonderen Einrichtungen. 
Zurück zur Frage: Die Legal Disability Studies versucht, wissenschaftlich zu erforschen, wie das Recht als Instrument der Gesellschaftsgestaltung eingesetzt wird, um entweder das medizinische Modell zu erhalten oder zu perpetuieren oder das menschenrechtliche Modell von Behinderung umzusetzen.


blaue Facette

Wibke Roth: Was heißt das konkret? 

Prof. Degener: Wenn wir zum Beispiel Antidiskriminierungsgesetze verabschieden, die behinderten Menschen ein gleichberechtigtes Leben in der Gesellschaft ermöglichen, dann versuchen wir das menschenrechtliche Modell von Behinderung zu verwirklichen. Wenn wir aber Gesetze haben, die zum Beispiel sagen, dass Menschen aufgrund einer Behinderung zwangsbehandelt werden dürfen, weil sie für sich oder andere eine Gefahr darstellen – das wird ja meistens als vorgeschobene Legitimation genommen, wobei die Diagnose meist ausreicht – dann wird das Recht dazu eingesetzt, das medizinische Modell zu verwenden. Legal Disability Studies ist genau darauf fokussiert zu fragen: Wie wird das Recht eingesetzt? Man kann Recht als Unterdrückungsinstrument, aber auch als Emanzipationsinstrument einsetzen.  Legal Disability Studies will Recht als Emanzipationsinstrument für behinderte Menschen einsetzen, und zwar in den typischen Regelungsfeldern der Rechtswissenschaft: den Gesetzen, der Rechtsprechung und der sonstigen Rechtspraxis, wie z.B. die Vertragsschließung.
 


blaue Facette

Wibke Roth: Heißt das, dass die LDS nach mehreren Möglichkeiten schaut, wie ein Fall auch mit Blick auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, zu bewerten ist?

Prof. Degener: Ja. Wir sehen auch in die Vergangenheit. Die Legal Disability Studies ist eine der jüngsten Zweige…


blaue Facette

Wibke Roth:  Wie lange gibt es den schon?

Prof. Degener: Das kann man so ganz genau nicht sagen. Ich glaube, ich bin eine der ersten, die einen deutschsprachigen Aufsatz dazu geschrieben hat, der 2025 veröffentlicht wurde. In den USA, in Kanada und in England gibt es bereits ältere Publikationen zu Legal Disability Studies. Auf europäischer Ebene gab es von 2009 bis 2015 das European Yearbook of Disability Law. Als eine von mehreren Gründungsmüttern der Disability-Studies in Deutschland waren meine Steckenpferde immer die Legal Disability Studies.  


blaue Facette

Wibke Roth: Als Nicht-Juristin verstehe ich die UN, Ihre Aussagen und soziale Inklusion so, dass sie eine Voraussetzung für Stabilität, Frieden und nachhaltige Entwicklung ist, besonders dort, wo Armut, Ungleichheit und Exklusion durch jüngste Krisen gewachsen sind.  
In Zeiten, in denen Resilienz, Innovation und Zusammenhalt über Erfolg oder Scheitern entscheiden, ist soziale Inklusion keine „Zusatzleistung“, sondern strategische Kernkompetenz. Ein menschenrechtlicher Ansatz wie in der UN-BRK macht doch deutlich: Teilhabe ist kein „Fürsorge-Geschenk“, sondern eine rechtliche Verpflichtung, die zum Beispiel gesellschaftliche Barrieren abbaut. Das verschiebt den Fokus hin zum „Gestalten einer zugänglichen Umwelt“ – und genau das entfaltet doch zum Beispiel das eigentliche Pfund der Inklusion, oder?

Prof. Degener: Ja. Ich glaube, dass Inklusion eines der zentralen Werte ist, auf die wir uns besinnen müssen, wenn wir über gesellschaftlichen Zusammenhalt nachdenken und, wenn wir Friedensforschung und Friedens-Politik betreiben wollen. Nur, wenn wir allumfassend inklusiv denken, werden wir es schaffen, friedliche Verhältnisse zu schaffen. Und Inklusion ist eines der zentralen Leitprinzipien dafür. 
Während der französischen Revolution im 19. Jahrhundert gab es diesen Begriff der Inklusion noch nicht, sondern die zentralen Werte waren Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Zu letzterem sagen wir heute, dass es zu sehr männlich konnotiert ist, und nutzen daher das Wort Solidarität.
Ich würde sagen, dass es heute um das Wort Inklusion ergänzt werden müsste. Wir müssen inzwischen verstanden haben, dass es ohne Inklusion nicht geht, denn Demokratie braucht Inklusion und Inklusion braucht Demokratie. Das ist so eine zentrale Aussage unseres Bundesbehindertenbeauftragten Jürgen Dusel, die ich sehr wichtig finde. Und für Inklusion wie für Demokratie lohnt es, sich einzusetzen. Aber es ist eben auch schwer. Das ist das, was wir inzwischen auch anerkennen müssen. Es hilft nichts, wenn wir denken, dass es einfacher wird, wenn wir die Alltagsverhältnisse inklusiv gestalten. Das alles einfacher wird ist mitnichten der Fall. Das wissen wir insbesondere aus der Diversity Management Forschung, die ja besonders im wirtschaftlichen Bereich schaut: Wie kann man Verschiedenheit lebbar machen und so in den Arbeitsprozess einbinden, dass es für alle von Vorteil ist?  Und daher wissen wir, dass ein diverses Team effizienter, innovativer und lösungsorientierter arbeiten kann. Aber Diversität ist auch mit Konflikten verbunden, weil viele verschiedene Interessen aufeinander kommen. Und die stehen manchmal auch im Widerspruch zueinander und sorgen für Spannungsverhältnisse. Und wir müssen lernen, wie wir mit diesen Spannungsverhältnissen umgehen. Und ich glaube, darin liegt die Chance: Wenn wir es schaffen, Inklusion lebbar zu machen und auch mit diesen Herausforderungen der Inklusion umzugehen, dann können wir es schaffen, eine humane Gesellschaft zu gestalten.
 

Zwei Frauen und ein Mann sitzen an einem Konferenztisch. Zu sehen sind Wibke Roth, eine Frau mit dunkelblondem Haar, Pferdeschwanz in rotem Blazer und Brille, eine Frau mit kurzen grauen Haar und Brille sowie pinker Strickjacke und ein Mann mit sehr kurzem Haar und gestreiftem kurzen Hemd

Abb. 1: Wibke Roth, Prof. Theresia Degener und Marcus Windisch im Gespräch (v.l./Foto: L. Kempf)


blaue Facette

Wibke Roth: Sie haben auf der Konferenz unter anderem gesagt, inklusive Gleichheit verlange die Anerkennung von Vielfalt sowie die Bekämpfung von Stigmatisierung, Stereotypisierung und Gewalt aufgrund von Behinderung.

Das Verständnis, dass Vielfalt ein Pfund ist, das allen Menschen einer Gesellschaft zugutekommt, scheint vielen zu fehlen, abhandengekommen, zu schwierig in der Umsetzung oder zu unbedeutend zu sein…es scheint einigen einfacher oder gewinnbringender, eine geschichtliche Rolle rückwärts zu drehen und ein rückschrittiges Menschenbild als erstrebenswert zu verkaufen und der Glaube, dass darin eine Lösung liegen könnte, leider Teil des menschlichen Geistes zu sein…die Hände in den Schoß zu legen und einfach zu hoffen, dass sich alles von alleine löst, nicht das richtige Mittel. Was könnte helfen, sich dennoch handlungsmächtig zu fühlen und welche Möglichkeiten sehen Sie, handlungswirksam gegen diesen Irrglauben anzugehen?
 

Prof. Degener: Ich glaube, dass, wenn wir die Vision verlieren, dass eine inklusive Gesellschaft möglich ist und dass wir sie leben können, dann ergeben wir uns der Hoffnungslosigkeit. Wir leben in Krisenzeiten, in Kriegs- und Klimakatastrophenzeiten. In Zeiten der Demokratie-Gefährdung durch Rechtspopulismus. Wenn wir in einer Welt leben möchten, in der wir halbwegs glücklich sein wollen, dann dürfen wir die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufgeben. Darin liegt die große Stärke der Arbeit an Inklusion. Ich glaube, dass das tatsächlich die Hoffnung ist, der Joker ist, auf den wir setzen können. Viele Leute suchen in den heutigen Zeiten, wo viele von uns resignieren, das Heil im Privaten, in spirituellen Wegen, die ich nicht verurteilen mag. Für das Privatleben kann das ein Weg sein, aber niemals für die politische Arbeit. Und da ist tatsächlich Inklusion im Kontext von Menschenrechten gedacht, die einzige Hoffnung, die wir haben. Etwas Besseres gibt es nicht. Die alten Ideologien, also Sozialismus versus Kapitalismus, dieser alte Streit, hat sich ausgestritten. Beides ist gescheitert. Die Menschenrechte, auch, wenn sie immer ein westlich dominiertes Projekt waren, immer auch in Kontext von Kolonialismus und Imperialismus, missbraucht und instrumentalisiert worden sind, haben doch die Menschheit vorangebracht. Sie kodifizieren die Idee des Humanismus. Und, dass sich hierauf fast alle Staaten im Rahmen der Vereinten Nationen geeinigt haben, ist humanistischer Fortschritt.
Aber Inklusion im Kontext von Menschenrechten gedacht, ist die einzige Hoffnung. Etwas Besseres haben wir noch nicht gefunden. Inklusion ist ein Bestandteil der Menschenrechte, insbesondere durch die UN-Behindertenrechtskonvention geworden. Und das ist ja auch das großartige an der UN- Behindertenrechtskonvention: Dass sie die Menschenrechte modernisiert hat. 
Dagegen steht der Irrglaube, dass eine homogene Gesellschaft, eine homogene Gruppe, wie auch immer die definiert ist, völkisch-rassistisch oder wie auch immer, dass es in homogen Gruppen friedlicher und effektiver vorangeht. Und die Geschichte hat gezeigt, dass das niemals der Fall war. 
In dem Vortrag, auf den Sie rekurriert haben, habe ich mich auf das geschichtliche Ereignis der französischen Revolution bezogen und gesagt: Mindestens seitdem können wir wissen, dass sich die Menschheit auf bestimmte Werte verständigt hat, die wir Menschenrechte nennen. Und die haben uns jeweils positiv vorangebracht.
 


blaue Facette

Wibke Roth: Gerade, weil es ja eben auch zunehmend rassistische Tendenzen in Deutschland gibt: Warum ist Ableismus mit Rassismus als Diskriminierungsmechanismus gleichzusetzen?

Prof. Degener: Weil es auf den gleichen Strukturen aufbaut. Nicht mit den gleichen Menschen-Bildern; aber auf den gleichen Strukturen. Das sind beides Dominanz-Kulturen, wo eben bestimmte Menschen, denen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, also eine bestimmte Hautfarbe, eine bestimmte ethnische Herkunft – Zuschreibungen, die genutzt werden, um Menschen abzuwerten. Das ist das, was beide ausmachen. Beim Ableismus haben wir eben einen vermeintlichen korporalen Zustand. Mit Korporal meine ich nicht nur Körper, sondern auch Geist und Psyche. Da wird ein Prototyp gedacht, den Menschen erfüllen sollen und nur dann werden ihnen 
- bestimmte Werte, 
- bestimmter Respekt und 
- bestimmte Rechte zuerkannt. 
Und alle anderen Menschen werden abgewertet. Menschen, die einen bestimmten IQ nicht erreichen, Menschen die bestimmte Leistungsnormen nicht erreichen, Menschen, die bestimmte gesundheitlichen Normwerte nicht erreichen. Alle diese Menschen werden abgewertet. Behinderung wird mit Leid und Unfähigkeit gleichgesetzt und das wird dazu benutzt, um Menschen, die als behindert gezeigt und bezeichnet werden 
- zu diskriminieren, 
- auszuschließen,
- ihnen Gewalt anzutun.
Und das sind ähnliche Strukturen wie wir sie im Rassismus vorfinden. Birgit Rommelsbacher hat ja für den deutschen Diskurs sehr sehr gut und frühzeitig in den 1990er Jahren gezeigt, dass die Strukturen der Dominanzkultur alle gleich sind. 
- Ob das jetzt queere Menschen betrifft, 
- ob das religiöse Minderheiten betrifft, 
- ob das Menschen mit dunkler Hautfarbe betrifft, oder Frauen: Dominanzkultur funktioniert immer gleich.
 


blaue Facette

Wibke Roth: Bei Ihrer Evaluation der KSL.NRW stand die Frage im Fokus, inwieweit die KSL die UN-Behindertenrechtskonvention und das Prinzip des Selbstbestimmten Lebens in Nordrhein-Westfalen voranbringen. Man muss sich vor Augen halten, dass das KSL-Projekt selbst ja eine Errungenschaft ist, die erst durch die UN-Behindertenrechtskonvention, möglich wurde. Die Wirksamkeit der KSL ist belegt. Über welches Pfund verfügen die KSL.NRW mit Ihren Worten?

Prof. Degener: Ich würde mal sagen, dass die KSL.NRW ein sehr gutes Beispiel dafür sind, wie man die UN-BRK umsetzen kann: indem Strukturen geschaffen werden für menschenrechtsbasierte Beratung und Bewusstseinsbildung, und zwar flächendeckend. Nach oben ist zwar immer Luft, aber wir haben ja mit sechs KSL schon ganz gut Fläche abgedeckt, um den Geist der UN-Behindertenrechtskonvention in die Landschaft zu tragen. Und das machen die KSL 
- durch ihre strukturelle Beratung, 
- durch ihre Aufklärung,
- durch ihre Schulungsarbeit, indem sie sich auch in ihrem Leitbild immer wieder an den Grundsätzen an den Geist der UN-BRK orientieren und da auch kein Jod von abrücken und keine Kompromisse machen. Und das ist glaube ich das stärkste Pfund der KSL, dass man hier verlässliche Netzwerkpartner hat, die die UN-BRK nach Nordrhein-Westfalen tragen und sie im Alltag umsetzt: im Alltag nicht für die einzelne behinderte Person. Das können Zentren nicht, aber sie sind wichtige UN-BRK-Botschafter*innen, die NRW auch im Vergleich zu anderen Bundesländern weit nach vorne gebracht haben.
  


blaue Facette

Wibke Roth: Ich habe unter anderem die Statistik-Schulung von Ihnen bei uns im Wissenschaftspark im Jahr 2019 noch in Erinnerung. Diese Schulung fand in der ersten Woche meiner Tätigkeit für die KSL.NRW statt. Ein Satz ist mir noch in Erinnerung: „Wer nicht gezählt wird, ist nicht sichtbar.“ Ich bin ja von der journalistischen und kommunikationswissenschaftlichen Zunft und fand den Vortrag natürlich sehr interessant. Mir wurde jedoch erst hier, in diesem Vortrag in der „Bubble“ bewusst, wie machtvoll Erhebungen sind und gleichzeitig, wie schnell Menschen ausgeschlossen und unsichtbar sind, nur oder eben, weil sie keinen Zugang zu einer Erhebung haben, einfach nur, weil die Beantwortung für manche Menschen unmöglich ist, weil sie zum Beispiel einen Stift nicht halten können…wen konnte die Disability Studies schon sichtbar machen?
 

Prof. Degener: Die Disability Studies sind auch deshalb wichtig, weil es die wissenschaftliche Disziplin und Schule ist, die ganz klar sagt, dass das Erfahrungswissen, also die Lebenserfahrung mit Behinderung ein unglaublicher Schatz ist in der Wissenschaft. Diese Erkenntnis war auch vor 25 Jahren nicht neu, aber sie war und ist ein Kontrapunkt zur herkömmlichen Behindertenforschung, die eben immer von Nicht-Behinderten über Behinderte gemacht wird. Diese Wertschätzung des Erfahrungswissens ist in den Disability Studies sehr wichtig. In der Statistikschulung hab ich damals diesen Satz gesagt: „Wer nicht gezählt wird, zählt nicht!“ Dabei geht es um die Sichtbarmachung von behinderten Menschen überhaupt als Akteur*innen im Zusammenleben der Gesellschaft und auch zu erkennen, dass das einen Wert hat. In der Statistik benötigen wir die Zählung von behinderten Menschen, weil wir nicht planen können, wenn wir nicht die Bedarfe aller Menschen berücksichtigen, und zwar von Anfang an.
Außerdem geht es in den Disability Studies darum, sichtbar und deutlich zu machen: Es hat einen Wert auf bestimmte Themen anders zu schauen als nichtbehinderte Menschen. Diese andere Sichtweise ist auch vielleicht sinnvoll. Die brauchen wir in der Wissenschaft, um voranzukommen. 


blaue Facette

Wibke Roth: Was wünschen Sie der KSL.NRW zum zehnjährigen Bestehen und für die Zukunft?

Prof. degener: Ich wünsche Ihnen natürlich noch weitere 100 Jahre. 100 Jahre KSL, ist das, was ich den KSL zum zehnjährigen Geburtstag wünsche. Ich wünsche den KSL, dass sie sich immer wieder bewusst machen, wieviel sie schon erreicht haben. Das kann voranbringen, weil es Kraft gibt. Denn wir müssen uns klar machen, dass wir immer wieder Kraft brauchen für die Umsetzung der UN BRK. Diese Kraft können wir schöpfen aus dem, was wir schon gut gemacht haben.


blaue Facette

Wibke Roth: Herzlichen Dank, Frau Prof. Degener, dass Sie sich Zeit genommen haben, wichtige Zusammenhänge und Entwicklungen zu erklären. Und auch danke fürs Mut machen.
 

Prof. degener: Das habe ich gern getan.

Schwierige Worte und Abkürzungen

Disability Studies und Legal Disability Studies 
Disability Studies ist ein Forschungsgebiet. Es beschäftigt sich mit Behinderung in der Gesellschaft. Die zentrale Frage ist: Welche Barrieren, Vorurteile und Regeln schließen Menschen mit Behinderungen aus? Behinderung wird dabei nicht nur als Problem einer einzelnen Person gesehen, sondern auch als Ergebnis von gesellschaftlichen Bedingungen.
Legal Disability Studies ist ein Teilgebiet der Disability Studies. Es schaut besonders auf Recht und Gesetze. Es fragt zum Beispiel: Welche Rechte haben Menschen mit Behinderungen? Wie gut werden diese Rechte umgesetzt? Welche Gesetze helfen, und welche Regeln benachteiligen Menschen?
Beide Gebiete wollen Barrieren erkennen und mehr Gleichberechtigung erreichen. 
Quelle: KI Perplexity 

Evaluation
Unter einer Evaluation (auch Evaluierung) versteht man die sach- und fachgerechte Untersuchung sowie Bewertung oder Beurteilung zum Beispiel von Organisationen.
 

Humanismus
Der Humanismus ist eine Geisteshaltung und Bildungsbewegung, die den Menschen, seine Würde und seine Freiheit in den Mittelpunkt stellt. 
Quelle: bpb

Imperialismus
Als Imperialismus bezeichnet man das Bestreben eines Staates, seinen politischen, wirtschaftlichen, militärischen oder kulturellen Einfluss über die eigenen Landesgrenzen hinaus auszudehnen
Quelle. bpb

Kolonialismus
Der Kolonialismus ist laut Wikipedia die dauerhafte Inbesitznahme, Beherrschung und wirtschaftliche Ausbeutung von außereuropäischen Territorien und deren Bevölkerung durch eine auswärtige Macht.

Paradigma
Laut Wikipedia bedeutet ein Paradigma übersetzt Muster, Vorbild oder eine grundsätzliche Denkweise.

Perpetuieren
Laut Duden bedeutet das Wort, zu bewirken, dass etwas Dauer gewinnt, sich festsetzt oder dauerhaft fortbesteht, oft im Sinne von Missständen oder überholten Zuständen.

Soziale Inklusion
Soziale Inklusion ist ein Prozess und Zustand, der darauf abzielt, dass alle Menschen – unabhängig von Merkmalen wie Behinderung, Herkunft, Alter, Religion oder Geschlecht – gleichberechtigt und von Anfang an am wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Leben teilhaben können.
Quelle: Cedefob  

Resilienz 
Das Wort bedeutet laut Duden psychische Widerstandskraft; Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen


Oktober 2026

Zurück Zur Übersicht Vorwärts


Profilbild der KSL.NRW. Das Logo der KSL.NRW vor bunten Kacheln

Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben in NRW

Wibke Roth
Munscheidstr. 14
45886 Gelsenkirchen

 

Weitere Informationen:

Über Prof. Theresia Degener:
Prof. Theresia Degener hat bis zu ihrem Ruhestand im Jahr 2024 als Professorin für Recht und Disability Studies an der Evangelischen Hochschule in Bochum gearbeitet. Dort leitete sie das Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS). 
Sie war in den Jahren nach 2001 als unabhängige Juristin und Vertreterin Deutschlands an der Ausarbeitung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beteiligt. Von 2011 bis 2018 war sie Mitglied und Vorsitzende (2017 bis 2018) des UN-Ausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderung. In ihrer Studienzeit war sie Teil der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung – ihre politische Heimat. So war sie als Studentin an verschiedenen Aktionen der radikalen Behindertenbewegung in Deutschland beteiligt, zum Beispiel dem Krüppeltribunal 1981.

Wenn sie mehr über das BODYS erfahren möchten, klicken Sie auf den Link  

Über das BODYS

Die Wissenschaftler*innen von BODYS begleiteten und evaluierten von 2016 bis 2021 auch die Arbeit der KSL. Die Evaluation richtete sich an den Leitzielen der UN-Behindertenrechtskonvention aus. Der barrierefreie und partizipative Forschungsansatz ermöglichte eine regelmäßige Beteiligung aller Akteur*innen. Die Evaluation betrachtete den Aufbauprozess und die Arbeit der sechs Kompetenzzentren. Erkenntnisse zu fördernden und hemmenden Faktoren der KSL-Arbeit wurden direkt in die Praxis zurückgespiegelt.
Das BODYS gab viele Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft an die KSL weiter. Die KSL nutzten diese Forschungsergebnisse für ihre tägliche Arbeit. Im Wissens-Dialog und Transferzentrum teilen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse mit Akteuren aus der Praxis.
Außerdem bot BODYS gemeinsam mit der Koordinierungsstelle der KSL regelmäßige Schulungen für die Mitarbeitenden der KSL an.


Interesse an weiteren Fensterblicken?

Inklusiver Arbeitsmarkt

Inklupreneur unterstützt Unternehmen durch Wissensvermittlung und aktive Umsetzung dabei, eine inklusive Unternehmenskultur zu schaffen. Menschen mit Behinderung sind zentraler Bestandteil ihrer partizipativen Inklusionsberatung. Auch das Team Rheinland nimmt Unternehmen prozessual „an die Hand“ und unterstützt aktiv bei der Stellenbesetzung. Im Interview mit Mechthild Kreuser – Projektleiterin Inklupreneur Rheinland – und Talentmanager Frank Kaulen erhalten Sie Einblicke aus dem Vorhaben, wie der Arbeitsmarkt inklusiver werden kann.. 
Zum Beitrag Nr. 39

15 Jahre UN-BRK/DIMR

Das Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention jährt sich heute für Deutschland zum 15. Mal. Dr. Susann Kroworsch – wissenschaftliche Mitarbeiterin der Monitoring-Stelle UN-Behindertenrechtskonvention des Deutschen Instituts für Menschenrechte seit 2017 – ist zuständig für das Monitoring in Nordrhein-Westfalen. Im Fensterblick-Interview berichtet sie über die Ergebnisse sowie die Empfehlungen und Forderungen des UN-Fachausschusses für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Sie appelliert, dass nun wirksame Maßnahmen in NRW folgen müssten. .  
Zum Beitrag Nr. 27

Zurück zur Übersicht