#41: Mehr Teilhabe im Team: Fortbildung als Schlüssel zur inklusiven Feuerwehr – ein Interview mit Daniel Meyer | KSL.NRW Direkt zum Inhalt

#41: Mehr Teilhabe im Team: Fortbildung als Schlüssel zur inklusiven Feuerwehr – ein Interview mit Daniel Meyer

Porträtfoto von Daniel Meyer, ein Mann mit Brille und dunkelblondem und grauem kurzem Haar, der eine Feuerwehr-Uniform, ein weißes Hemd und Krawatte trägt. Er lächelt. Das Foto ist gerahmt von Schmuckelementen der KSL.NRW
 
 

#41

Fensterblick Extern

„Wenn es uns gelingt, Offenheit als einen der höchsten Werte in der Feuerwehr-Kultur zu leben, bestimmen die Anforderungen der jeweiligen Stellenbeschreibungen, wer für die Arbeit bei der Feuerwehr infrage kommt. Eine fehlende Toilette darf kein Ausschlussgrund sein.“
 

Interview mit Daniel Meyer | von Wibke Roth | KSL hinterfragt


blaue Facette

Wibke Roth: Vielen Dank, Herr Meyer, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen. Es geht heute um die Frage, wie inklusiv die Feuerwehr in NRW sein kann und welche Möglichkeiten der Beteiligung für Menschen mit Behinderungen bestehen. Ihre Sicht als Dezernatsleiter und Ihre Rolle als konzipierender Dozent sind dabei besonders interessant. Was macht die Feuerwehr* und die Menschen, die dort arbeiten, aus? Und wo gibt es aus Ihrer Perspektive noch Veränderungsbedarfe insbesondere im Kontext der Diversität? 
  

Daniel Meyer: Ganz allgemein gesprochen ist es der Teamgeist, der die Feuerwehr ausmacht. Es bedeutet, dass sich die Feuerwehrleute bewusst sind, dass sie nur als Einheit sowohl im Einsatz als auch in den Zeiten zwischen den Einsätzen gemeinsam das Ziel erreichen können. Das ist der eine verbindende Aspekt. Der andere ist durchaus auch der Wunsch, anderen Menschen in Krisen- und Notsituation helfend zur Seite stehen zu wollen, und das unter Zurückstellung der eigenen Interessen. 
Ansonsten ist ja die Frage: Ist die Feuerwehr – sei es im Haupt- oder im Ehrenamt – ein Spiegel der Gesellschaft? Und da ist die Antwort: Nein, denn wir haben keine repräsentative Verteilung von Männern und Frauen in der Feuerwehr und keine repräsentative Verteilung von Bildungsständen, Berufsgruppen und Bildungsschichten; vieles ist schon auf einem guten Weg. Wenn sich Feuerwehr zukunftssicher aufstellen möchte, muss sie aber auch für alle Bevölkerungsgruppen offen sein, und damit auch für Frauen, für Menschen mit Behinderungen, für Menschen mit Migrationshintergrund – eben für alle an der Feuerwehr interessierte Menschen. Unser Ansatz für Veränderung ist: Lasst uns weniger auf eine einzelne Zielgruppe blicken, sondern fragen: Was können wir tun, damit die Feuerwehr zukünftig einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentiert? 


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Abbildung 1: Oliver Schneider und Daniel Meyer begrüßen die Teilnehmer*innen des Workshops, den Anne Wohlfahrt und Bettina Benz vom KSL.Detmold konzipiert haben.

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Abbildung 2: Oliver Schneider berichtet von den Zielen der KSL.NRW. 

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Abbildung 3: Er ist einer der Refererierenden der KSL.NRW beim IdF NRW. Er wechselt sich mit Anne Wohlfahrt ab (nicht im Bild). 

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Abbildung 4: Erfahrungsrunde: Ich erinnere mich an einen Teilnehmer, dessen Kollege seine Behinderung erst im Laufe des Dienstes erwarb und man ihm Möglichkeiten schuf, um weiterhin aktiv im Feuerwehrdienst mitzuwirken,“ berichtet Schneider.

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Abbildung 5: Wofür setzen sich die KSL.NRW nochmal ein? Ein Flyer über die Arbeit dient der Erinnerung.

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Abbildung 6: In dieser Fortbildung geht es um Aufnahmeverfahren und Strukturen. Daniel Meyer erläutert das Konzept.

*Anmerkung der Redaktion: Das IdF NRW hat einen Überblick darüber, wie die Feuerwehren in NRW aufgestellt sind und kann Beispiele einzelner Feuerwehren geben, jedoch weniger ein Gesamtbild über die nordrhein-westfälischen Feuerwehren. Es ist unter anderem bestrebt, den Feuerwehren Handlungsrahmen und Empfehlungen an die Hand zu geben, damit diese dann anschließend in kommunaler Verantwortung und Zuständigkeit umgesetzt werden.


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Wibke Roth: Zum Querschnitt zählen auch Menschen mit Behinderungen. Sie bilden am IdF NRW unter anderem Führungskräfte der Feuerwehr aus. Welchen Stellenwert nimmt das Thema Inklusion dort zurzeit ein und welche Rolle spielt Wertevermittlung in diesem Zusammenhang?

Daniel meyer: Seit 2022 ist Inklusion Teil unserer Fortbildungsstrategie: Wir haben zwei Fachsymposien zum Thema veranstaltet und bieten jährlich bis zu drei Schulungen in unterschiedlichen Zusammenhängen an, zum Beispiel zu der Frage, wie sich der Aufnahmeprozess neuer Feuerwehrangehöriger gestalten lässt. Von Anfang an kooperieren wir dazu mit den KSL.NRW. Wesentlicher Bestandteil sind zweistündige Workshop-Formate, die der Bewusstseinsbildung dienen, was zum Beispiel Selbstbestimmung bedeutet und wie gleichberechtigte, barrierearme Kommunikation gelingen kann, aber auch konkret, was es in der Feuerwehr-Praxis bedeutet, mit Menschen mit Behinderungen zu arbeiten. Zu Ihrer Frage der Wertevermittlung: Wir geben unser Werteverständnis in der Hoffnung an unsere Teilnehmenden, dass das, was wir vermitteln zum Nachdenken anregt, damit das Vermittelte dann auch zur Anwendung kommt.


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Wibke Roth: Welcher vermittelte Wert ist Ihnen besonders wichtig?

Daniel Meyer: Offenheit in der Haltung. Wenn es uns gelingt, Offenheit als einen der höchsten Werte in der Feuerwehr-Kultur zu leben, bestimmen die Anforderungen der jeweiligen Stellenbeschreibungen, wer für die Arbeit bei der Feuerwehr infrage kommt. Eine fehlende Toilette darf kein Ausschlussgrund sein.


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Wibke Roth: Welche Aufgabenbereiche innerhalb der Feuerwehr halten Sie für gut geeignet für Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Beeinträchtigung?

Daniel Meyer: Das lässt sich beispielhaft ganz gut anhand der Feuerwehr Wetter an der Ruhr verdeutlichen. Da dort viele Einrichtungen der Wohlfahrtspflege angesiedelt sind, ist die Eintrittswahrscheinlichkeit von Menschen mit Behinderungen einfach höher. Das bedeutet einfach, dass es hier mehr Interessent*innen gibt als anderorts und in der Tat gibt es dort auch viele Beispiele, wie Menschen mit Behinderungen dort eingesetzt werden. Diese ganz praktischen Beispiele konnten wir beim Fachsymposium 2024 kennen lernen. 
Von dort ist mir bekannt, dass Menschen, die in der Feuerwehr arbeiten wollen, Spaß an der Ausübung ihrer Aufgaben haben. Konkret wurde dort im Aufnahmegespräch gefragt: „Was ist dein Antrieb für diese Stelle?“ Ein Mann mit geistiger Beeinträchtigung habe beim Gespräch gesagt, dass er unheimliche Freude fürs Aufräumen empfinde. Zur Tätigkeitsbeschreibung der Stelle passte das. Als Feuerwehrmann übernimmt er in seinem Team zum Beispiel genau solche Dienste. 
Ein Feuerwehrmann mit psychischer Beeinträchtigung sitzt bei Einsätzen nicht auf dem erstausrückenden Fahrzeug. Da er bei der unmittelbaren Brandbekämpfung unnötig in Stress geraten würde, ist der sogenannte rückwärtige Dienst für die Versorgungslogistik eine gute Einsatzmöglichkeit für ihn. Für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen kann eben diese Aufgabe an der Einsatzstelle ebenso sinnvoll sein. 
Wichtig ist natürlich zu erwähnen, dass grundsätzlich Selbst- und Fremdeinschätzung für das Tätigkeitsprofil übereinstimmen müssen. 


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Wibke Roth: Welche Unterstützung wünschen Sie sich von den Kommunen und der Politik?

Daniel Meyer: Ich glaube, dass wir auf der einen Seite gut aufgestellt sind, weil unsere Verordnungen und Gesetze die nötigen Freiräume auf der örtlichen Ebene bereits zulassen. Wir müssen weiter die Akzeptanz fördern, indem wir auf Schulungen und Informationsveranstaltungen setzen. Wir brauchen keine weiteren Plakat-Kampagnen, die einzelne Zielgruppen bewerben, das kann im Zweifel zum Gegenteil des Gewünschten führen. 


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Wibke Roth: Was wäre Ihre persönliche Vision für eine inklusive Feuerwehr in den nächsten zehn Jahren?

Daniel Meyer: Wir können auch in Zukunft Löschgruppenfahrzeuge zwar nicht mit einem Lifter für Rollstühle ausstatten, weil einige Grenzen einfach aus den Aufgaben der Feuerwehr erwachsen. Wir müssen uns den Menschen anschauen, erfahren, was er kann und sie oder ihn in den jeweiligen Einsatzszenarien mitwirken lassen. Offenheit sollte bei der Feuerwehr ganzheitlich betrachtet werden. Stereotypes Denken, dass zum Beispiel der Feuerwehrmann alles selbst machen kann und muss, ist genauso wenig nötig wie die Vorstellung, dass die Feuerwehr eine in sich geschlossene Gesellschaft ist, zu der nur bestimmte Menschen Zugang haben dürfen. So kann es in zehn Jahren gern selbstverständlich sein, dass Menschen mit Behinderungen Aufgaben übernehmen und damit die Feuerwehr bereichern. 


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Wibke Roth: Herzlichen Dank für Ihre Offenheit und Ihre Einschätzungen, Herr Meyer. Ihre Perspektive ist ein wertvoller Beitrag für die weitere Auseinandersetzung mit Inklusion bei der Feuerwehr.

Daniel Meyer: Auch ich darf mich für die gute und vertrauenswolle Zusammenarbeit bei Frau Benz und Frau Wohlfahrt vom KSL.Detmold als wichtige Impulsgeberinnen für die Ausgestaltung der Workshops und Herrn Schneider vom KSL.Münster mit seinem ganz persönlichen Blick auf die Mitarbeit in der Feuerwehr bedanken. 

Schwierige Worte 

Geistige Beeinträchtigung/Andere Lernmöglichkeiten

Die KSL.NRW verwenden meist den Begriff „Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten“ statt „geistiger Beeinträchtigung“. Wozu? Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten lehnen die Bezeichnungen ‚lernbehindert‘, ‚geistig behindert‘ oder ‚Menschen mit Lernschwierigkeiten‘ häufig für sich ab, weil sie sagen, dass diese Bezeichnungen zu fremdbestimmten Einstellungen und Vorurteilen führen. Das People-First-Netzwerk hat daher den Begriff ‚andere Lernmöglichkeiten‘ für sich unter dem Motto „Nicht über uns ohne uns! Mit Euch für uns alle!“ gewählt.
 

Stereotyp

Ein Stereotyp wird als ein verallgemeinerndes, negatives oder positives Bild eines Individuums verstanden, das nicht auf den Eigenschaften des Individuums beruht, sondern auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Mit anderen Worten: Ein Individuum wird aufgrund der Tatsache, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, einer bestimmten Kategorie zugeordnet. Im Kontext der Feuerwehr kann ein Stereotyp sein, dass nur starke Männer dort arbeiten, die alles selbst tun wollen und können und, dass nur solche Menschen dort arbeiten dürfen.

Rückwärtiger Dienst

Der rückwärtige Dienst oder rückwärtiger Bereich der Feuerwehr umfasst alle Tätigkeiten, die nicht unmittelbar an der Einsatzstelle im abwehrenden Brandschutz oder Rettungsdienst stattfinden, aber notwendig sind, um den Dienstbetrieb und die Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten. 
Er ist das logistische und administrative Rückgrateiner Feuerwehren. Dieser Bereich stellt sicher, dass Einsatzkräfte, Fahrzeuge und Ausrüstung jederzeit einsatzbereit sind.
 


Februar / März 2026

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Profilbild der KSL.NRW. Das Logo der KSL.NRW vor bunten Kacheln

Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben in NRW

Munscheidstr. 14
45886 Gelsenkirchen

Telefon: 0209-956600-30
E-Mail: info@ksl-nrw.de

Zur Person:

Die Feuerwehr begleitet Daniel Meyer (49) seit nunmehr 33 Jahren. Da in seiner Freiwilligen Feuerwehr Bielefeld-Babenhausen zum damaligen Zeitpunkt schon eine Frau zur Mannschaft gehörte, war das früher noch besondere von Anfang an normal. Nach dem Chemie-Studium absolvierte Daniel Meyer die feuerwehrtechnische Ausbildung für den (ehemals) höheren feuerwehrtechnischen Dienst und ist seit 2007 in verschiedenen Funktionen am Institut der Feuerwehr NRW tätig. Der Vater von zwei Kindern engagiert sich weiterhin im Einsatzdienst seiner Freiwilligen Feuerwehr.

Sehenswertes:
Video 1: Arbeiten bei der Feuerwehr
Video 2: Arbeiten bei der Feuerwehr

 


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Inklusiver Arbeitsmarkt

Inklupreneur unterstützt Unternehmen durch Wissensvermittlung und aktive Umsetzung dabei, eine inklusive Unternehmenskultur zu schaffen. Menschen mit Behinderung sind zentraler Bestandteil ihrer partizipativen Inklusionsberatung. 
Zum Beitrag Nr. 39

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Ramona Becker ist Regierungsbeschäftigte. Als Sachgebietsleiterin im Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit im Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW schreibt sie im Fensterblick Extern: „Ich möchte, dass bei der Polizei NRW jeder seinen Arbeitsplatz am Tag 1 eingerichtet bekommt, auch oder gerade Menschen mit Behinderung, die Hilfsmittel benutzen. Das klingt erstmal gar nicht so schwierig, ist aber recht kompliziert.“. 
Zum Beitrag Nr. 35

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