#46: Menschenrechte brauchen gesellschaftliche Aufmerksamkeit, denn ihre Unsichtbarkeit schützt nicht vor Gewalt – eine Stellungnahme der KSL.NRW | KSL.NRW Direkt zum Inhalt
Ein Foto von Milean Wolf, eine lächelnde junge Frau mit kurzen dunkel-blonden Haaren und einer getönten Brille mit dem Titel Fensterblick Arnsberg, eingerahmt in grünen Kacheln des KSL.Arnsberg und blauen Kacheln der KSL.NRW
 
 

#46

Fensterblick NRW

„Menschenrechte brauchen gesellschaftliche Aufmerksamkeit: Unsichtbarkeit schützt nicht vor Gewalt. Sie schützt nur davor, sie wahrnehmen zu müssen. Es muss ein breites gesellschaftliches Bewusstsein für die besondere Bedrohungslage von Menschen mit Behinderungen durch rechte Kräfte geschaffen werden.“

von M. Butschkau, L. Bertelmann, M. Seger, A.Wohlfahrt und  M. Zebrowski | Stellungnahme | 
KSL hinterfragt


Die KSL.NRW stellen fest, dass ableistische Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderungen häufig unsichtbar bleibt. Auch wenn die Opferberatungsstellen in NRW für das Jahr 2025 keine ableistischen Gewaltfälle zu verzeichnen hatten (OBR & backup 2026, S.26), heißt das nicht, dass ableistische Gewalt kein Problem ist. Fehlende Zugänge und mangelndes Bewusstsein führen häufig dazu, dass rechte Gewaltfälle gegenüber Menschen mit Behinderungen nicht sichtbar oder erst gar nicht als solche erkannt werden. Beispielsweise wird Behinderung im Strafgesetzbuch nicht explizit als Grund für Hasskriminalität benannt und in der Vergangenheit ist bereits aufgefallen, dass nicht alle rechten Gewaltfälle, die Menschen mit Behinderungen adressieren, auch als rechte Gewalt in die Polizeistatistik eingehen (OBR & backup 2025, S.40).
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Auf Bundesebene zeigt sich in der PKM 2025 weiterhin ein Zunahmetrend von politisch motivierter Kriminalität gegen Menschen mit Behinderungen: Diese ist im Vergleich zum Vorjahr um rund 11 % gestiegen und Gewaltfälle halten seit 2023 das Bundes-Rekordhoch (BMI 2026, S. 13). Das passt zu der Wahrnehmung, dass ableistische Einstellungen in der Gesellschaft in jüngster Zeit wieder ansteigen: Vor allem in öffentlichen Diskursen um Kürzungsvorschläge hinsichtlich Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderungen werden diese zunehmend als Kostenfaktor thematisiert. Vor dem Hintergrund, dass die Leipziger Autoritarismusstudie ab 2023 erstmalig wieder einen Anstieg sozialdarwinistischer Einstellungen in der Bevölkerung zeigt (Decker et al 2024, S. 47), ist dies besonders beunruhigend. Gerade die nationalsozialistische Vergangenheit und unser Wissen darüber, wie schnell in einem behindertenfeindlichen Zeitgeist aus Argumenten zur Kosteneinsparung eugenische Praktiken entstehen können, sollte dazu führen, dass solchen Tendenzen aktiv entgegengewirkt wird. Es mangelt jedoch weiterhin an einer breiten Auseinandersetzung mit diskriminierenden Umgangsweisen der Gesellschaft mit Menschen mit Behinderungen. Selbst die Bundesrepublik Deutschland hat im Nationalsozialismus ermordete und zwangssterilisierte Menschen mit Behinderungen erst vergangenes Jahr als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt.
Die #KSL.NRW möchten aufmerksam machen auf Diskriminierung und Exklusion von Menschen mit Behinderungen und das gesellschaftliche Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen als Menschenrechtsträger stärken. Ableistische Tendenzen müssen bekämpft werden, damit kein gesellschaftliches Klima entsteht, in dem rechte Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen (weiter) gedeihen kann.

 

Schwierige Worte 

Ableismus
Der Begriff Ableismus besteht aus dem englischen „able“ (fähig) und dem deutschen „ismus“ (eine Wortendung, die auf ein abstraktes, geschlossenes Gedankensystem verweist). (Aguayo-Krauthausen 2023, S. 27). Der Begriff bezeichnet eine „(…) einseitige Fokussierung auf körperliche und geistige Fähigkeiten einer Person und ihre essentialisierende Be- und Verurteilung, je nach Ausprägung ihrer Fähigkeiten.“ (Maskos 2010) Solche Bewertungen gehen von einer Normalitätsvorstellung eines vollständig gesunden und autonomen Menschen aus, der weder körperlich, psychisch noch kognitiv beeinträchtigt ist. Ableismus wird häufig unbedacht mit dem Begriff „Behindertenfeindlichkeit“ gleichgesetzt. Ableismus ist jedoch mehr als das: Es geht dabei um eine Norm, die als eine Art System die gesamte Gesellschaft durchzieht. Durch dieses System werden Ungleichheitsverhältnisse zwischen Menschen oder Gruppen hergestellt sowie gerechtfertigt. (Buchner/Lindmeier 2019, S. 234) Ableismus wirkt also neben der individuellen Ebene, auf der Personen aufgrund von Fähigkeitserwartungen beurteilt werden, ebenfalls auf der strukturellen und auf der institutionellen Ebene. Beispiele unterschiedlicher Formen von Ableismus sind Vorurteile und Stereotype, physische Barrieren im Alltag oder die erschwerte Teilhabe an der Gesellschaft. (Gersdorff & Sturm 2024, S. 28-29.)

Sozialdarwinismus
„Unter Sozialdarwinismus versteht man die Idee, das Recht des Stärkeren müsse auch das menschliche Zusammenleben bestimmen. Diese Einstellung gilt in der Wissenschaft als typisches Element eines rechtsextremen Weltbildes.
Der Begriff Sozialdarwinismus tauchte erstmals Ende des 19. Jahrhunderts auf und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend populär. Die Anhänger dieser Idee übertrugen Elemente der Evolutionstheorie von Charles Darwin aus der Pflanzen- und Tierwelt auf die menschliche Gesellschaft. Darwins Lehre, dass sich langfristig jene Lebewesen durchsetzen, die sich am besten ihrer Umwelt angepasst haben, wurde pseudowissenschaftlich umgedeutet in eine Überlegenheit der Stärksten.
Sozialdarwinisten vertreten beispielsweise die Ansicht, Schwache seien weniger wert als Starke und Behinderte oder chronisch Kranke eine Last für die Allgemeinheit. Sie behaupten, es schwäche eine Gesellschaft, wenn sie auf Schwache Rücksicht nehme. Solidarität wird von ihnen als hinderlich empfunden, Gleichberechtigung als wider die Natur".
Im Nationalsozialismus waren sozialdarwinistische Ideen zentral. Nach außen wurde damit ein Kampf zwischen höher und niedriger stehenden Rassen konstruiert – die Begründung für Kriege und Massenmorde. Nach innen wurde damit das Aussondern angeblich minderwertiger Menschen im Interesse der sogenannten Rassenhygiene begründet (…).“ (BpB)
Ergebnis war unter anderem die Ermordung und Zwangssterilisation von Menschen mit Behinderungen. Schätzungsweise 2/3 der Menschen, die damals in Anstalten lebten, haben den Nationalsozialismus nicht überlebt. (Wienberg, 2013, S.178) 


September 2026

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Inklusive Gesundheit

In dem Interview mit Ellen Dieball wird aufgezeigt, wie wichtig psychologische Beratung für Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten ist. Das Interview hat Susanne Schulte-Mausbeck vom KSL.Düsseldorf geführt.  
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